
[Foto: Frank Schemmann ©]
Anne Huffschmid lebt als Kulturwissenschaftlerin, Autorin (Text, Fotografie, Film) und Kuratorin in Berlin. Sie forscht, publiziert und lehrt zu urbanen Fragen, sozialen Erinnerungsprozessen und Materialisierungen von Gewalt, mit einem besonderen Interesse an Diskurs- und Bildforschung, audiovisueller Forschung und experimentellen Methoden, Formaten und Narrativen der Kultur- und Sozialwissenschaft. Lateinamerika, vor allem Mexiko, ist zentraler Bezugspunkt ihrer Arbeit.
Geboren 1964 in Berlin, Studium der Volkswirtschaft, der Theaterwissenschaften und der Publizistik an der FU Berlin. 1986 erste Reisen und Recherchen in Lateinamerika. 1989 bis 1991 das Kultur- und Ausstellungsprojekt „Mexiko-Stadt der Frauen“ (Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Haus der Kulturen der Welt, Museo Universitario del Chopo). Von 1992 bis 2003 als Korrespondentin (taz) und Kulturreporterin (La Jornada) in Mexiko-Stadt. Seit dieser Zeit regelmäßig Beiträge und Reportagen für deutschsprachige Zeitungen und Zeitschriften; auch heute noch journalistische Arbeiten zu aktuellen Forschungsthemen, etwa für die taz oder die Neue Zürcher Zeitung.
Von 1997 bis 2000 Studie am Lateinamerika-Institut der FU Berlin über die mexikanischen Zapatistas als diskursmächtige Erhebung (Förderung VolkswagenStiftung); Promotion 2002 im Fachbereich Kulturwissenschaften an der Universität Dortmund. Auszeichnung als beste Dissertation 2002-2003 durch die Arbeitsgemeinschaft Deutschsprachige Lateinamerika-Forschung (ADLAF), Veröffentlichung unter dem Titel „Diskursguerilla: Wortergreifung und Widersinn“ (Synchron Verlag 2004).
Von 2004 bis 2006 Kuratorin des Metropolendialogs „Krise als Labor: Krise und Erinnerung in Berlin und Buenos Aires“ (Ibero-Amerikanisches Institut; Symposium, Ausstellungen, Buchveröffentlichungen). Von 2005 bis 2013 Forschungsprojekt zu der Frage, wie sich Erinnerungen an politische Gewalt in der urbanen Gegenwart materialisieren, am Beispiel von Mexiko-Stadt und Buenos Aires (2008-2012, Förderung Fritz Thyssen Stiftung). Buchveröffentlichung unter dem Titel „Risse im Raum. Erinnerung, Gewalt und städtisches Leben in Lateinamerika“ (Springer VS 2015).
Mitinitiatorin des 2007 gegründeten Stadtforschungskollektivs metroZones, das urbane Forschung an den Schnittstellen zwischen Kunst, Wissenschaft und Aktivismus betreibt und daraus Bücher, Ausstellungen und Veranstaltungen produziert. 2015-2016 Initiatorin und Mitbetreiberin der „metroZones-Schule für städtisches Handeln“.
Von 2013 bis 2020 Film- und Forschungsprojekt „Knochenlesen als Grenzüberschreitung/Forensic Landscapes“, das sich mit Gewaltlandschaften und forensisch motivierter Raum- und Bildproduktion in Lateinamerika beschäftigt und dabei insbesondere die Potenziale einer „Menschenrechtsforensik“ und der forensischen Selbstermächtigung in Gewaltszenarien des 21. Jahrhunderts auslotet (FU Berlin, 2015-2018 Förderung Deutsche Stiftung Friedensforschung). Seit Ende 2016 fokussierte das Projekt vor allem auf forensische Prozesse und Gewaltlandschaften in Mexiko. Aus dieser audiovisuellen Forschung hervorgegangen ist 2018 der Dokumentarfilm „Defying the Earth“, 2019 der Dokumentarfilm „Persistencia“, 2020 die interaktive Webdokumentation „Forensic Landscapes“ und – als Resultat ihres CALAS-Fellowships in Guadalajara/Mexiko (11/2019-06/2020) – der experimentelle Kurzfilm „Dato sensible“ (s. Rubrik Film). Der aus diesem Prozess hervorgegangene Essay „Das Atmen der Bilder“ (2024) beschäftigt sich mit der Frage, wie sich schwarze Löcher mit forensischer Imagination ‚füllen‘ lassen (Förderung VolkswagenStiftung).
Seit 2020 verstärkter Fokus auf innovativen, experimentellen und audiovisuellen Forschungsmethoden, daraus entstanden für das LAI die Video-Serien „La investigacion desafiada“ und „La investigación creadora“ sowie für metroZones der Kurzfilm „Pop-up und Struktur“.
Seit August 2024 neues Forschungsprojekt „Institutional Landscapes“ das in Anknüpfung an das Vorgängerprojekt nun nach dem Agieren staatlicher Institutionen in dem durch Verschwindenlassen produzierten Gewalträume fragt und dafür die neu gegründeten Suchkommissionen in Kolumbien und Mexiko ethnographisch untersucht (Förderung Deutsche Forschungsgemeinschaft): Wie werden beide Behörden in ihren Kontexten von Mitarbeitenden wie von Gewaltbetroffenen erlebt und imaginiert? Und wie lässt sich staatliches Handeln mit sensorischen, visuellen und experimentellen Zugängen erkunden?
Gespräch zur Forschungsbiographie von Anne Huffschmid mit dem argentinischen Anthropologen Ramiro Segura, für die Zeitschrift Bifurcaciones –> Zugang zum Interview (spanisch)